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Die Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie
Edmund Husserl

 Edmund Husserl

Der äußere Anlaß zum Entstehen von Husserls letzter großer Arbeit «Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie» war eine Einladung des Wiener Kulturbundes zu einem Vortrag, den er unter dem Titel «Die Philosophie in der Krisis der europäischen Menschheit» am 7. und 10. Mai 1935 hielt. Dieser Vortrag erhielt später den oben genannten Titel. Am «Krisis-Komplex» arbeitete Husserl von 1934 bis zu seinem Tode. Der Text des Wiener Vortrags wurde 1954 von Walter Biemel in den Husserliana VI zum ersten Mal veröffentlicht.

 

I

Ich will in diesem Vortrage den Versuch wagen, dem so viel verhandelten Thema der europäischen Krisis ein neues Interesse dadurch abzugewinnen, daß ich die geschichtsphilosophische Idee (oder den teleologischen Sinn) des europäischen Menschentums entwickle. Indem ich dabei die wesentliche Funktion aufweise, welche in diesem Sinn die Philosophie und ihre Verzweigungen als unsere Wissenschaften zu üben haben, wird auch die europäische Krisis eine neue Erleuchtung gewinnen.

Knüpfen wir an Allbekanntes an, an den Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen Medizin und der sogenannten «Naturheilkunde». Entspringt diese im allgemeinen Volksleben aus naiver Empirie und Tradition, so die naturwissenschaftliche Medizin aus der Verwertung von Einsichten rein theoretischer Wissenschaften, denen der menschlichen Leiblichkeit, zunächst der Anatomie und Physiologie. Diese aber beruhen selbst wieder auf den allgemein erklärenden Grundwissenschaften von der Natur überhaupt, auf Physik und Chemie.

Wenden wir nun den Blick von der menschlichen Leiblichkeit auf die menschliche Geistigkeit, das Thema der sogenannten Geisteswissenschaften. In ihnen geht das theoretische Interesse ausschließlich auf Menschen als Personen und ihr personales Leben und Leisten sowie korrelativ auf Leistungsgebilde. Personales Leben ist, als Ich und Wir vergemeinschaftet in einem Gemeinschaftshorizont leben. Und zwar in Gemeinschaften verschiedener einfacher oder aufgestufter Gestalten, wie Familie, Nation, Übernation. Das Wort Leben hat hier nicht physiologischen Sinn, es bedeutet zwecktätiges, geistige Gebilde leistendes Leben: im weitesten Sinn kulturschaffend in der Einheit einer Geschichtlichkeit. Das alles ist Thema mannigfaltiger Geisteswissenschaften. Offenbar besteht nun der Unterschied zwischen kraftvollem Gedeihen und Verkümmern, also, wie man auch sagen kann, von Gesundheit und Krankheit, auch für Gemeinschaften, für Völker, für Staaten. Demnach liegt die Frage nicht so fern: Wie kommt es, daß es in dieser Hinsicht nie zu einer wissenschaftlichen Medizin, einer Medizin der Nationen und übernationalen Gemeinschaften gekommen ist? Die europäischen Nationen sind krank, Europa selbst ist, sagt man, in einer Krisis. An so etwas wie Naturheilkundigen fehlt es hier durchaus nicht. Wir werden ja geradezu überschwemmt von einer Flut naiver und überschwenglicher Reformvorschläge. Aber warum versagen die so reich entwickelten Geisteswissenschaften hier den Dienst, den die Naturwissenschaften in ihrer Sphäre vortrefflich üben?

Die mit dem Geiste der modernen Wissenschaften Vertrauten werden um eine Antwort nicht verlegen sein. Die Größe der Naturwissenschaften besteht darin, daß sie sich mit einer anschaulichen Empirie nicht beruhigen, da für sie alle Naturbeschreibung nur methodischer Durchgang sein will zur exakten, letztlich der physikalisch-chemischen Erklärung. Sie meinen: «Bloß beschreibende» Wissenschaften binden uns an die Endlichkeiten der irdischen Umwelt. Die mathematisch-exakte Naturwissenschaft aber umspannt mit ihrer Methode die Unendlichkeiten in ihren Wirklichkeiten und realen Möglichkeiten. Sie versteht das Anschaulich-Gegebene als bloß subjektiv relative Erscheinung und lehrt, die übersubjektive (die «objektive») Natur selbst in systematischer Approximation nach ihrem unbedingt Allgemeinen an Elementen und Gesetzen zu erforschen. In eins damit lehrt sie alle anschaulich vorgegebenen Konkretionen, ob Menschen, ob Tiere, <ob> Himmelskörper, aus dem letztlich Seienden zu erklären, nämlich von den jeweiligen faktisch gegebenen Erscheinungen aus die künftigen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten in einem Umfang und einer Genauigkeit zu induzieren, die alle anschaulich gebundene Empirie übersteigt. Die Folge der konsequenten Ausbildung der exakten Wissenschaften in der Neuzeit war eine wahre Revolution in der technischen Naturbeherrschung.

Ganz anders ist leider (im Sinn der uns schon ganz verständlich gewordenen Auffassung), und zwar aus inneren Gründen, die methodische Lage in den Geisteswissenschaften. Die menschliche Geistigkeit ist ja auf die menschliche Physis gegründet, jedes einzeln-menschliche Seelenleben ist fundiert in der Körperlichkeit, also auch jede Gemeinschaft in den Körpern der einzelnen Menschen, welche Glieder dieser Gemeinschaft sind. Wenn also für die geisteswissenschaftlichen Phänomene eine wirklich exakte Erklärung möglich werden soll und demnach eine ähnlich weitreichende wissenschaftliche Praxis als wie in der Natursphäre, so müßten die Geisteswissenschaftler nicht bloß den Geist als Geist betrachten, sondern auf die körperlichen Unterlagen zurückgehen und mittels der exakten Physik und Chemie ihre Erklärungen durchführen. Das scheitert aber (und daran kann sich für alle irgend absehbare Zeit nichts ändern) an der Komplikation der nötigen psychophysisch-exakten Forschung schon hinsichtlich der einzelnen Menschen und erst recht der großen historischen Gemeinschaften. Wäre die Welt ein Bau von zwei sozusagen gleichberechtigten Realitätssphären, Natur und Geist, keine vor der anderen methodisch und sachlich bevorzugt, dann wäre die Situation eine andere. Aber nur die Natur ist für sich schon wie eine geschlossene Welt zu behandeln, nur die Naturwissenschaft kann in ungebrochener Konsequenz von allem Geistigen abstrahieren und Natur rein als Natur erforschen. Andererseits führt vice versa eine solche konsequente Abstraktion von der Natur für den rein für Geistiges interessierten Geisteswissenschaftler nicht zu einer in sich geschlossenen, einer rein geistig zusammenhängenden «Welt», die das Thema einer reinen und universalen Geisteswissenschaft werden könnte, als Parallele der reinen Naturwissenschaft. Denn die animalische Geistigkeit, die der menschlichen und tierischen «Seelen», auf die alle sonstige Geistigkeit zurückführt, ist einzelweise in Körperlichkeit kausal fundiert. So versteht es sich, daß der rein für Geistiges als solches interessierte Geisteswissenschaftler nicht über Deskriptives, nicht über eine Geisteshistorie hinauskommt, also an die anschaulichen Endlichkeiten gebunden bleibt. Jedes Beispiel zeigt es. Z.B. ein Historiker kann doch nicht altgriechische Geschichte behandeln, ohne die physische Geographie Altgriechenlands, nicht seine Architektur, ohne die Körperlichkeit der Bauten mitzunehmen usw. usw. Das scheint ganz einleuchtend.

Aber wie, wenn die ganze in dieser Darstellung sich bekundende Denkweise auf verhängnisvollen Vorurteilen beruhte und in ihren Auswirkungen selbst mitschuldig wäre an der europäischen Erkrankung? In der Tat, so ist meine Überzeugung, und ich hoffe damit auch verständlich zu machen, daß hier auch eine wesentliche Quelle liegt für die Selbstverständlichkeit, mit der der moderne Wissenschaftler die Möglichkeit der Begründung einer rein in sich geschlossenen und allgemeinen Wissenschaft vom Geiste nicht einmal für erwägenswert hält und somit glattweg leugnet.

Im Interesse unseres Europa-Problems liegt es, hierauf ein wenig einzugehen und die obige im ersten Augenblick einleuchtende Argumentation zu entwurzeln. Der Historiker, der Geistes-, der Kulturforscher jeder Sphäre hat freilich beständig in seinen Phänomenen auch physische Natur, in unserem Beispiel die Natur Altgriechenlands. Aber diese Natur ist nicht die Natur im naturwissenschaftlichen Sinne, sondern das, was den alten Griechen als Natur galt, als natürliche Wirklichkeit umweltlich vor Augen stand. Voller gesprochen: die historische Umwelt der Griechen ist nicht die objektive Welt in unserem Sinn sondern ihre «Weltvorstellung», d.i. ihre eigene subjektive Geltung mit all den darin ihnen geltenden Wirklichkeiten, darunter z.B. den Göttern, den Dämonen usw.

Umwelt ist ein Begriff, der ausschließlich in der geistigen Sphäre seine Stelle hat. Daß wir in unserer jeweiligen Umwelt leben, der all unser Sorgen und Mühen gilt, das bezeichnet eine rein in der Geistigkeit sich abspielende Tatsache. Unsere Umwelt ist ein geistiges Gebilde in uns und unserem historischen Leben. Es liegt hier also kein Grund für den, der den Geist als Geist zum Thema macht, für sie eine andere als eine rein geistige Erklärung zu fordern. Und so gilt es überhaupt: umweltliche Natur als in sich Geistesfremdes anzusehen und demzufolge Geisteswissenschaft durch Naturwissenschaft unterbauen und so vermeintlich exakt machen zu wollen, ist ein Widersinn.

Es wird offenbar auch ganz vergessen, daß Naturwissenschaft (wie alle Wissenschaft überhaupt) ein Titel ist für geistige Leistungen, nämlich die der zusammenarbeitenden Naturwissenschaftler; als das gehören sie wie alle geistigen Vorkommnisse doch mit zum Umkreis dessen, was geisteswissenschaftlich erklärt werden soll. Ist es nun nicht widersinnig und ein Zirkel, das historische Ereignis «Naturwissenschaft» naturwissenschaftlich erklären zu wollen, erklären durch Hereinziehung der Naturwissenschaft und ihrer Naturgesetze, die als geistige Leistung selbst zum Problem gehören?

Vom Naturalismus geblendet (wie sehr sie selbst ihn verbal bekämpfen mögen), haben die Geisteswissenschaftler es ganz und gar versäumt, auch nur das Problem einer universellen und reinen Geisteswissenschaft zu stellen und nach einer Wesenslehre des Geistes rein als Geistes zu fragen, die dem unbedingt Allgemeinen der Geistigkeit nach Elementen und Gesetzen nachgeht; dies aber zu dem Zwecke, um von daher wissenschaftliche Erklärungen in einem absolut abschließenden Sinn zu gewinnen.

Die bisherigen geistesphilosophischen Überlegungen geben uns die rechte Einstellung, um unser Thema des geistigen Europa als ein rein geisteswissenschaftliches Problem zu erfassen und zu behandeln, zunächst also geistesgeschichtlich. Wie schon in den einleitenden Worten vorausgesagt, soll eine merkwürdige, nur unserem Europa gleichsam eingeborene Teleologie auf diesem Wege sichtlich werden, und zwar als ganz innig zusammenhängend mit dem Aufbruch oder Einbruch der Philosophie und ihrer Verzweigungen, der Wissenschaften im altgriechischen Geiste. Wir ahnen schon, daß es sich dabei um eine Aufklärung der tiefsten Gründe für den Ursprung des verhängnisvollen Naturalismus handeln wird, oder auch, wie sich als gleichwertig zeigen wird, des neuzeitlichen Dualismus der Weltinterpretation. Schließlich soll damit der eigentliche Sinn der Krisis des europäischen Menschentums an den Tag kommen.

Wir stellen die Frage: Wie charakterisiert sich die geistige Gestalt Europas? Also Europa nicht geographisch, landkartenmäßig verstanden, als ob danach der Umkreis der hier territorial zusammenlebenden Menschen als europäisches Menschentum umgrenzt werden sollte. Im geistigen Sinn gehören offenbar die englischen Dominions, die Vereinigten Staaten usw. zu Europa, nicht aber die Eskimos oder Indianer der Jahrmarktsmenagerien oder die Zigeuner, die dauernd in Europa herumvagabundieren. Es handelt sich hier offenbar unter dem Titel Europa um die Einheit eines geistigen Lebens, Wirkens, Schaffens: mit all den Zwecken, Interessen, Sorgen und Mühen, mit den Zweckgebilden, mit den Anstalten, den Organisationen. Darin wirken die einzelnen Menschen in mannigfachen Sozietäten verschiedener Stufen, in Familien, in Stämmen, Nationen, alle innerlich geistig verbunden und, wie ich sagte, in der Einheit einer geistigen Gestalt. Den Personen, Personenverbänden und all ihren Kulturleistungen soll damit ein allverbindender Charakter erteilt sein.

«Die geistige Gestalt Europas» - was ist das? Die der Geschichte Europas (des geistigen Europas) immanente philosophische Idee aufzuweisen, oder, was dasselbe ist, die ihr immanente Teleologie, die sich vom Gesichtspunkt der universalen Menschheit überhaupt kenntlich macht als der Durchbruch und Entwicklungsanfang einer neuen Menschheitsepoche, der Epoche der Menschheit, die nunmehr bloß leben will und leben kann in der freien Gestaltung ihres Daseins, ihres historischen Lebens aus Ideen der Vernunft, aus unendlichen Aufgaben.

Jede geistige Gestalt steht wesensmäßig in einem universalen historischen Raum oder in einer besonderen Einheit historischer Zeit nach Koexistenz und Sukzession, sie hat ihre Geschichte. Gehen wir also den historischen Zusammenhängen nach, und, wie es notwendig ist, von uns und unserer Nation aus, so führt uns die historische.Kontinuität immer weiter von unserer zu Nachbarnationen und so von Nationen zu Nationen, von Zeiten zu Zeiten. Im Altertum schließlich von den Römern zu den Griechen, zu den Ägyptern, Persern usw.; da ist offenbar kein Ende. Wir geraten in die Urzeit hinein, und es wird uns nicht erspart sein, zu dem bedeutenden und gedankenreichen Werk von Menghin zu greifen, zur «Weltgeschichte der Steinzeit». Bei solchem Vorgehen erscheint die Menschheit als ein einziges, durch nur geistige Bezüge verbundenes Menschen- und Völkerleben, mit einer Fülle von Menschheits- und Kulturtypen, aber fließend ineinanderströmend. Es ist wie ein Meer, in welchem die Menschen, die Völker die flüchtig sich gestaltenden, wandelnden und wieder verschwindenden Wellen sind, die einen darin reicher, komplizierter gekräuselt, die anderen primitiver.

Indessen bei konsequenter innengewandter Betrachtung merken wir neue, eigenartige Verbundenheiten und Unterschiede. Die europäischen Nationen mögen noch so sehr verfeindet sein, sie haben doch eine besondere innere Verwandtschaft im Geiste, durch sie alle hindurchgehend, die nationalen Differenzen übergreifend. Es ist so etwas wie eine Geschwisterlichkeit, die uns in diesem Kreise das Bewußtsein einer Heimatlichkeit gibt. Dies tritt sofort hervor, sowie wir uns z.B. in die indische Geschichtlichkeit mit ihren vielen Völkern und Kulturgebilden einfühlen. In diesem Kreis besteht wieder Einheit einer familienhaften Verwandtschaft, aber einer uns fremden. Andererseits erleben die indischen Menschen uns als Fremde und nur einander als Heimgenossen. Indessen dieser sich in vielen Stufen relativierende Wesensunterschied von Heimatlichkeit und Fremdheit, eine Grundkategorie aller Geschichtlichkeit, kann nicht genügen. Die historische Menschheit gliedert sich nicht in immerfort gleicher Weise gemäß dieser Kategorie. Wir erspüren das gerade an unserem Europa. Es liegt darin etwas Einzigartiges, das auch allen anderen Menschheitsgruppen an uns empfindlich ist als etwas, das, abgesehen von allen Erwägungen der Nützlichkeit, ein Motiv für sie wird, sich im ungebrochenen Willen zu geistiger Selbsterhaltung doch immer zu europäisieren, während wir, wenn wir uns recht verstehen, uns zum Beispiel nie indianisieren werden. Ich meine, wir fühlen es (und bei aller Unklarheit hat dieses Gefühl wohl sein Recht), da unserem europäischen Menschentum eine Entelechie eingeboren ist, die den europäischen Gestaltenwandel durchherrscht und ihm den Sinn einer Entwicklung auf eine ideale Lebens- und Seinsgestalt als einen ewigen Pol verleiht. Nicht als ob es sich hier um eine der bekannten Zielstrebigkeiten handelte, die dem physischen Reich der organischen Wesen ihren Charakter geben, also um so etwas wie biologische Entwicklung von einer Keimgestalt in Stufen bis zur Reife mit nachfolgendem Altern und Absterben. Es gibt wesensmäßig keine Zoologie der Völker. Sie sind geistige Einheiten, sie haben, und insbesondere die Übernationalität Europa hat keine je erreichte und erreichbare reife Gestalt als Gestalt einer geregelten Wiederholung. Seelisches Menschentum ist nie fertig gewesen und wird es nie werden und kann sich nie wiederholen. Das geistige Telos des europäischen Menschentums, in welchem das besondere Telos der Sondernationen und der einzelnen Menschen beschlossen ist, liegt im Unendlichen, es ist eine unendliche Idee, auf die im Verborgenen das gesamte geistige Werden sozusagen hinaus will. Sowie es in der Entwicklung als Telos bewußt geworden ist, wird es notwendig auch praktisch als Willensziel, und damit ist eine neue, höhere Entwicklungsstufe eingeleitet, die unter Leitung von Normen, normativen Ideen steht.

All das will aber nicht eine spekulative Interpretation unserer Geschichtlichkeit sein, sondern Ausdruck einer in vorurteilsloser Besinnung aufsteigenden lebendigen Vorahnung. Diese aber gibt uns eine intentionale Leitung, um in der europäischen Geschichte höchst bedeutsame Zusammenhänge zu sehen, in deren Verfolgung uns das Vorgeahnte zu bewährter Gewißheit wird. Vorahnung ist der gefühlsmäßige Wegweiser für alle Entdeckungen.

Gehen wir an die Ausführung. Das geistige Europa hat eine Geburtsstätte. Ich meine damit nicht geographisch in einem Land, obschon auch das zutrifft, sondern eine geistige Geburtsstätte in einer Nation, bzw. in einzelnen Menschen und menschlichen Gruppen dieser Nation. Es ist die altgriechische Nation im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. In ihr erwächst eine neuartige Einstellung einzelner zur Umwelt. Und in ihrer Konsequenz vollzieht sich der Durchbruch einer völlig neuen Art geistiger Gebilde, rasch anwachsend zu einer systematisch geschlossenen Kulturgestalt; die Griechen nannten sie Philosophie. Richtig übersetzt, in dem ursprünglichen Sinn, besagt das nichts anderes als universale Wissenschaft, Wissenschaft vom Weltall, von der Alleinheit alles Seienden. Sehr bald beginnt das Interesse am All, und damit die Frage nach dem allumfassenden Werden und Sein im Werden, sich nach den allgemeinen Formen und Regionen des Seins zu besondern, und so verzweigt sich die Philosophie, die Eine Wissenschaft, in mannigfache Sonderwissenschaften.

Im Durchbruch der Philosophie dieses Sinnes, in welchem also alle Wissenschaften mitbeschlossen sind, sehe ich, wie paradox das auch klingen mag, das Urphänomen des geistigen Europas. Durch die näheren Erläuterungen wird, so knapp sie auch gehalten sein müssen, der Schein der Paradoxie sich bald beheben.

Philosophie, Wissenschaft, ist der Titel für eine spezielle Klasse von Kulturgebilden. Die historische Bewegung, welche die Stilform europäischer Übernationalität angenommen hat, geht auf eine im Unendlichen liegende Normgestalt hin, aber nicht auf eine solche, die in einer bloßen morphologischen Außenbetrachtung am Gestaltenwandel ablesbar wäre. Das ständige Gerichtetsein auf Norm ist dem intentionalen Leben einzelner Personen von daher den Nationen und ihren besonderen Sozietäten und schließlich dem Organismus der europäisch verbundenen Nationen innerlich einwohnend; freilich nicht allen Personen, also nicht voll entwickelt in den durch intersubjektive Akte konstituierten Personalitäten höherer Stufe, aber ihnen doch einwohnend in Form eines notwendigen Ganges der Entwicklung und Ausbreitung des Geistes allgemeingültiger Normen. Dies aber hat zugleich die Bedeutung der fortschreitenden Umbildung des gesamten Menschentums von den in kleinen und kleinsten Kreisen wirksam gewordenen Ideenbildungen her. Ideen, in einzelnen Personen erzeugte Sinngebilde der wundersamen neuen Art, intentionale Unendlichkeiten in sich zu bergen sind nicht wie reale Dinge im Raum, die, in das Feld menschlicher Erfahrung tretend, darum noch nicht für den Menschen als Person etwas bedeuten. Mit der ersten Konzeption von Ideen wird der Mensch allmählich zu einem neuen Menschen. Sein geistiges Sein tritt in die Bewegung einer fortschreitenden Neubildung. Diese Bewegung verläuft von Anfang an kommunikativ, erweckt einen neuen Stil personalen Daseins in seinem Lebenskreis, im Nachverstehen ein entsprechend neues Werden. Es verbreitet sich in ihr zunächst (und in weiterer Folge auch über sie hinaus) ein besonderes Menschentum, das, in der Endlichkeit lebend, auf Pole der Unendlichkeit hinlebt. Eben damit erwächst eine neue Weise der Vergemeinschaftung und eine neue Gestalt fortdauernder Gemeinschaft, deren geistiges, durch Ideenliebe, Ideenerzeugung und ideale Lebensnormierung vergemeinschaftetes Leben in sich den Zukunftshorizont der Unendlichkeit trägt: den einer Unendlichkeit sich erneuernder Generationen aus dem Ideengeiste. Das also vollzieht sich zunächst im geistigen Raum einer einzigen, der griechischen Nation, als Entwicklung der Philosophie und der philosophischen Gemeinschaften. In eins damit erwächst zunächst in dieser Nation ein allgemeiner Kulturgeist, das ganze Menschentum in seinen Bann ziehend, und ist so eine fortschreitende Verwandlung in Form einer neuen Historizität.

Dieser Rohaufriß wird Fülle und bessere Verständlichkeit gewinnen, wenn wir dem historischen Ursprung des philosophischen und wissenschaftlichen Menschentums nachgehen und von da aus den Sinn von Europa und daran die neue Art der Geschichtlichkeit aufklären, die sich mit dieser Entwicklungsart von der allgemeinen Geschichte abhebt.

Erhellen wir zunächst die merkwürdige Eigenart der Philosophie, entfaltet in immer neuen spezialen Wissenschaften. Kontrastieren wir sie mit sonstigen, schon in der vorwissenschaftlichen Menschheit vorhandenen Kulturformen, mit den Handwerken, mit der Bodenkultur, der Wohnkultur usw. Sie alle bezeichnen Klassen von Kulturerzeugnissen mit zugehörigen Methoden für deren sicher gelingende Erzeugung. Im übrigen haben sie ein vorübergehendes Dasein in der Umwelt. Andererseits haben wissenschaftliche Erwerbe, nachdem für sie die Methode sicher gelingender Erzeugung gewonnen ist, eine ganz andere Seinsart, eine ganz andere Zeitlichkeit. Sie verbrauchen sich nicht, sie sind unvergänglich; wiederholtes Erzeugen schafft nicht Gleiches, höchstens gleich Brauchbares, es erzeugt in beliebig vielen Erzeugungen derselben Person und beliebig vieler Personen identisch das Selbe, identisch nach Sinn und Geltung. Miteinander in aktueller Wechselverständigung verbundene Personen können nicht anders als das von den jeweiligen Genossen in gleicher Erzeugung Erzeugte als identisch das Selbe erfahren mit dem der eigenen Erzeugung. Mit einem Worte: was wissenschaftliches Tun erwirbt, ist nicht Reales sondern Ideales.

Aber noch mehr, was so erworben ist als geltend, als Wahrheit, ist als Material dienlich für die mögliche Erzeugung von Idealitäten höherer Stufe, und so immer von neuem. Im entwickelten theoretischen Interesse erhält nun jedes im voraus den Sinn eines bloß relativen Endzieles, es wird Durchgang zu immer neuen, immer höherstufigen Zielen in einer als universales Arbeitsfeld, als «Gebiet» der Wissenschaft vorgezeichneten Unendlichkeit. Wissenschaft bezeichnet also die Idee einer Unendlichkeit von Aufgaben, von denen jederzeit eine Endlichkeit schon erledigt und als bleibende Geltung aufbewahrt ist. Diese bildet zugleich den Fond von Prämissen für einen unendlichen Aufgabenhorizont als Einheit einer allumgreifenden Aufgabe.

Aber noch ein Wichtiges ist hier ergänzend zu bemerken. In der Wissenschaft bedeutet die Idealität der einzelnen Arbeitserzeugnisse, der Wahrheiten, nicht die bloße Wiederholbarkeit unter Identifikation des Sinnes und der Bewährung: die Idee der Wahrheit im Sinne der Wissenschaft setzt sich ab (davon werden wir noch zu sprechen haben) von der Wahrheit des vorwissenschaftlichen Lebens. Sie will unbedingte Wahrheit sein. - Darin liegt eine Unendlichkeit, die, jeder faktischen Bewährung und Wahrheit den Charakter einer nur relativen, einer bloßen Annäherung gibt, eben bezogen auf den unendlichen Horizont in dem die Wahrheit an sich sozusagen als unendlich ferner Punkt gilt. Korrelativ liegt dann diese Unendlichkeit auch in dem im wissenschaftlichen Sinn «wirklich Seienden», sowie abermals in der «Allgemein»-Gültigkeit für «jedermann» als das Subjekt je zu leistender Begründungen; er ist nun nicht mehr jedermann in dem endlichen Sinne des vorwissenschaftlichen Lebens.

Nach dieser Charakteristik der eigentümlichen wissenschaftlichen Idealität mit den in ihrem Sinn vielfältig implizierten idealen Unendlichkeiten tritt uns im historischen Umblick der Kontrast hervor, den wir im Satz aussprechen: Keine sonstige Kulturgestalt im historischen Horizont vor der Philosophie ist in solchem Sinne Ideenkultur und kennt unendliche Aufgaben, kennt solche Universa von Idealitäten, die als ganze und nach allen Einzelheiten sowie nach deren Erzeugungsmethoden sinngemäß die Unendlichkeit in sich tragen.

Außerwissenschaftliche, von der Wissenschaft noch nicht berührte Kultur ist Aufgabe und Leistung des Menschen in der Endlichkeit. Der offen endlose Horizont, in dem er lebt, ist nicht erschlossen, seine Zwecke und sein Wirken, sein Handel und Wandel, seine personale, seine gruppenmäßige, seine nationale, seine mythische Motivation, alles bewegt sich in endlich überschaubarer Umweltlichkeit. Da gibt es keine unendlichen Aufgaben, keine idealen Erwerbe, deren Unendlichkeit selbst das Arbeitsfeld ist, und zwar so, daß es für die Arbeitenden bewußtseinsmäßig die Seinsweise eines solchen unendlichen Aufgabenfeldes hat.

Aber mit dem Auftreten der griechischen Philosophie und ihrer ersten Durchformung in konsequenter Idealisierung des neuen Unendlichkeitssinnes vollzieht sich in dieser Hinsicht eine fortgehende Umwandlung, die schließlich alle Ideen der Endlichkeit und damit die gesamte Geisteskultur und deren Menschentum in ihren Bannkreis zieht. Für uns Europäer gibt es daher außerhalb der philosophisch-wissenschaftlichen Sphäre noch vielerlei unendliche Ideen (wenn dieser Ausdruck gestattet ist), aber sie haben die analogen Charaktere der Unendlichkeit (unendlicher Aufgaben, Ziele, Bewährungen, Wahrheiten, «wahrer Werte», «echter Güter», «absolut» gültiger Normen) erst der Umbildung des Menschentums durch die Philosophie und ihre Idealitäten zu verdanken. Wissenschaftliche Kultur unter Ideen der Unendlichkeit bedeutet also eine Revolutionierung der gesamten Kultur, eine Revolutionierung in der ganzen Weise des Menschentums als Kulturschaffenden. Sie bedeutet auch eine Revolutionierung der Geschichtlichkeit, die nun Geschichte des Entwerdens des endlichen Menschentums im Werden zum Menschentum unendlicher Aufgaben ist.

Hier begegnen wir einem naheliegenden Einwand, daß die Philosophie, die Wissenschaft der Griechen doch nichts für sie Auszeichnendes und mit ihnen erst in die Welt Gekommenes sei. Erzählen sie doch selbst von den weisen Ägyptern, Babyloniern usw. und lernten sie doch tatsächlich vieles von ihnen. Heute besitzen wir eine Fülle von Arbeiten über die indischen, chinesischen etc. Philosophien, wobei dieselben mit der griechischen auf eine Ebene gestellt und bloß als verschiedene historische Ausgestaltungen innerhalb einer und derselben Kulturidee gefaßt werden. Natürlich fehlt es nicht an einem Gemeinsamen. Indessen man darf sich vom bloß morphologisch Allgemeinen nicht die intentionalen Tiefen verdecken lassen und blind werden für die allerwesentlichsten prinzipiellen Unterschiede.

Allem voran ist schon die Einstellung der beiderseitigen «Philosophen», ihre universale Interessenrichtung, eine grundverschiedene. Man mag hier und dort ein weltumgreifendes Interesse konstatieren, das beiderseits, also auch bei der indischen, chinesischen und ähnlichen «Philosophien» zu universalen Welterkenntnissen führt, überall in der Weise eines berufsartigen Lebensinteresses sich auswirkend und in verständlicher Motivation zu Berufsgemeinschaften führend, in denen von Generation zu Generation die allgemeinen Ergebnisse sich fortpflanzen bzw. sich fortbilden. Aber nur bei den Griechen haben wir ein universales («kosmologisches») Lebensinteresse in der wesentlich neuartigen Gestalt einer rein «theoretischen» Einstellung, und als Gemeinschaftsform, in der es sich aus inneren Gründen auswirkt, die entsprechende wesentlich neuartige der Philosophen, der Wissenschaftler (der Mathematiker, der Astronomen usw.). Es sind die Männer, die nicht vereinzelt sondern miteinander und füreinander, also in interpersonal verbundener Gemeinschaftsarbeit, Theoria und nichts als Theoria erstreben und erwirken, deren Wachstum und stetige Vervollkommnung mit der Verbreitung des Kreises der Mitarbeitenden und der Abfolge der Forschergenerationen schließlich in den Willen aufgenommen wird mit dem Sinn einer unendlichen und allgemeinsamen Aufgabe. Die theoretische Einstellung hat bei den Griechen ihren historischen Ursprung.

Einstellung, allgemein gesprochen, besagt einen habituell festen Stil des Willenslebens in damit vorgezeichneten Willensrichtungen oder Interessen, in den Endzwecken, den Kulturleistungen, deren gesamter Stil also damit bestimmt ist. In diesem bleibenden Stil als Normalform verläuft das jeweilig bestimmte Leben. Es wechselt die konkreten Kulturgehalte in einer relativ geschlossenen Geschichtlichkeit. In irgendeiner Einstellung lebt die Menschheit (bzw. eine geschlossene Gemeinschaft wie Nation Stamm usw.) in ihrer historischen Lage immer. Ihr Leben hat immer einen Normalstil und eine beständige Historizität oder Entwicklung in diesem.

Also bezieht sich die theoretische Einstellung in ihrer Neuartigkeit zurück auf eine vorgängige, eine früher normale Einstellung, sie charakterisiert sich als Umstellung. In universaler Betrachtung der Geschichtlichkeit menschlichen Daseins in allen seinen Gemeinschaftsformen und in ihren historischen Stufen zeigt es sich nun, daß wesensmäßig eine gewisse Einstellung die an sich erste ist, bzw. daß ein gewisser normaler Stil menschlichen Daseins (in formaler Allgemeinheit gesprochen) eine erste Historizität bezeichnet, innerhalb deren der jeweils faktische Normalstil des kulturschaffenden Daseins bei allem Aufsteigen oder Herabsinken oder Stagnieren formal derselbe bleibt. Wir sprechen in dieser Hinsicht von der natürlichen, urwüchsigen Einstellung, von der des ursprünglich natürlichen Lebens, von der ersten ursprünglich natürlichen Form von Kulturen: höheren und niederen, ungehemmt sich entwickelnden oder stagnierenden. Alle anderen Einstellungen sind demnach auf diese natürliche zurückbezogen als Umstellungen. Konkreter gesprochen, es müssen in einer der historisch faktischen Menschheiten natürlicher Einstellung aus der konkret gewordenen inneren und äußeren Situation derselben an einer Zeitstelle Motive entspringen, die zunächst einzelne Menschen und Gruppen innerhalb derselben zu einer Umstellung motivieren.

Wie ist nun die wesensmäßig ursprüngliche Einstellung, die historische Grundweise des menschlichen Daseins zu charakterisieren? Wir antworten: Menschen leben selbstverständlich aus generativen Gründen immer in Gemeinschaften, in Familie, Stamm, Nation, diese wieder in sich selbst reicher oder ärmer gegliedert in Sondersozialitäten. Das natürliche Leben charakterisiert sich nun als naiv geradehin in die Welt Hineinleben, in die Welt, die als universaler Horizont immerfort in gewisser Weise bewußt da ist, aber dabei nicht thematisch ist. Thematisch ist, worauf man gerichtet ist. Waches Leben ist immer auf dies oder jenes Gerichtetsein, gerichtet darauf als auf Zweck oder Mittel, als Relevantes oder Irrelevantes, auf Interessantes oder Gleichgültiges, auf Privates oder Öffentliches, auf das alltäglich Erforderliche oder auf ein einbrechendes Neues. Das alles liegt im Welthorizont, es bedarf aber besonderer Motive, damit der in solchem Weltleben Begriffene sich umstellt und dazu kommt, sie selbst irgendwie zum Thema zu machen, für sie ein bleibendes Interesse zu fassen.

Hier bedarf es aber näherer Ausführungen. Die einzelnen Menschen, die sich umstellen, haben als Menschen ihrer universalen Lebensgemeinschaft (ihrer Nation) auch weiterhin ihre natürlichen Interessen, jeder seine individuellen; sie können sie durch keine Umstellung einfach verlieren, das hieße für jeden, aufhören zu sein, der er ist, als der er von Geburt an geworden ist. Unter allen Umständen kann also die Umstellung nur eine zeitweilige sein; eine habituell für das ganze weitere Leben fortgeltende Dauer kann sie nur haben in der Form einer unbedingten Willensentschließung, in periodischen, aber innerlich vereinheitlichten Zeitweiligkeiten immer dieselbe Einstellung wiederaufzunehmen und ihre neue Art von Interessen durch diese die Diskretionen intentional überbrückende Kontinuität hindurch als geltende und zu verwirklichende durchzuhalten und sie in entsprechenden Kulturgebilden zu realisieren.

Wir kennen ähnliches in den schon im natürlich ursprünglichen Kulturleben auftretenden Berufen mit ihren periodischen, das sonstige Leben und seine konkrete Zeitlichkeit durchsetzenden Berufszeitlichkeiten (den Dienststunden des Beamten etc.).

Es sind nun zwei Fälle möglich. Entweder die Interessen der neuen Einstellung wollen den natürlichen Lebensinteressen oder, was im Wesentlichen dasselbe ist, der natürlichen Praxis dienen, dann ist die neue Einstellung selbst eine praktische. Diese kann nun einen ähnlichen Sinn haben wie die praktische Einstellung des Politikers, der als nationaler Funktionär auf das allgemeine Wohl gerichtet ist, also in seiner der Praxis aller (und mittelbar auch der eigenen) dienen will. Das gehört freilich noch in den Bereich der natürlichen Einstellung, die sich ja wesensmäßig für verschiedene Typen von Gemeinschaftsgliedern differenziert und in der Tat eine andere ist für <die> die Gemeinschaft Regierenden als für die «Bürger» - beides natürlich in einem allerweitesten Sinne genommen. Die Analogie aber macht jedenfalls verständlich, daß die Universalität einer praktischen Einstellung, jetzt einer auf die ganze Welt gehenden, keineswegs besagen muß ein Interessiertsein und Sichbeschäftigen mit allen Einzelheiten und Sonderganzheiten innerhalb der Welt, was freilich undenkbar wäre.

Gegenüber der höherstufigen praktischen Einstellung besteht aber noch eine andere wesensmäßige Möglichkeit der Änderung der allgemeinen natürlichen Einstellung (die wir alsbald kennenlernen werden am Typus der religiös-mythischen Einstellung), nämlich die theoretische Einstellung - so ist sie freilich nur im voraus genannt, weil in ihr in einer notwendigen Entwicklung die philosophische Theoria erwächst und zum Eigenzweck oder zum Interessenfeld wird. Die theoretische Einstellung, obzwar wiederum eine Berufseinstellung, ist ganz und gar unpraktisch. Sie beruht also auf einer willentlichen Epoché von aller natürlichen und damit auch höherstufigen, der Natürlichkeit dienenden Praxis im Rahmen ihres eigenen Berufslebens.

Doch sei sogleich gesagt, daß damit noch von keiner endgültigen «Abschnürung» des theoretischen Lebens vom praktischen die Rede ist, bzw. von einem Zerfallen des konkreten Lebens des Theoretikers in zwei zusammenhangslose sich durchsetzende Lebenskontinuitäten, was sozial gesprochen also die Bedeutung hätte des Entstehens zweier geistig zusammenhangsloser Kultursphären. Denn es ist noch eine dritte Form der universalen Einstellung möglich (gegenüber der in der natürlichen fundierten religiös-mythischen Einstellung und andererseits der theoretischen Einstellung), nämlich die im Übergang von theoretischer zu praktischer Einstellung sich vollziehende Synthesis der beiderseitigen Interessen, derart, daß die in geschlossener Einheitlichkeit und unter Epoché von aller Praxis erwachsende Theoria (die universale Wissenschaft) dazu berufen wird (und in theoretischer Einsicht selbst ihren Beruf erweist), in einer neuen Weise der Menschheit, der in konkretem Dasein zunächst und immer auch natürlich lebenden, zu dienen. Das geschieht in Form einer neuartigen Praxis, der der universalen Kritik alles Lebens und aller Lebensziele, aller aus dem Leben der Menschheit schon erwachsenen Kulturgebilde und Kultursysteme, und damit auch einer Kritik der Menschheit selbst und der sie ausdrücklich und unausdrücklich leitenden Werte; und in weiterer Folge eine Praxis, die darauf aus ist, durch die universale wissenschaftliche Vernunft die Menschheit nach Wahrheitsnormen aller Formen zu erhöhen, sie zu einem von Grund aus neuen Menschentum zu wandeln, befähigt zu einer absoluten Selbstverantwortung aufgrund absoluter theoretischer Einsichten. Doch vor dieser Synthesis der theoretischen Universalität und der universal interessierten Praxis steht offenbar eine andere Synthesis von Theorie und Praxis - nämlich die der Verwertung beschränkter Ergebnisse der Theorie, beschränkter, die Universalität des theoretischen Interesses in Spezialisierung fallen lassender Spezialwissenschaften auf die Praxis des natürlichen Lebens. Hier verbinden sich also ursprünglich-natürliche Einstellung und theoretische in Verendlichung.

Für das tiefere Verständnis der griechisch-europäischen Wissenschaft (universal gesprochen: der Philosophie) in ihrem prinzipiellen Unterschied von den gleichbewerteten orientalischen «Philosophien» ist es nun notwendig, die praktisch-universale Einstellung, wie sie vor der europäischen Wissenschaft sich jene Philosophien schuf, näher zu betrachten und sie als religiös-mythische aufzuklären. Es ist eine bekannte Tatsache, aber auch eine wesensmäßig einsehbare Notwendigkeit, daß religiös-mythische Motive und eine religiös-mythische Praxis zu jedem natürlich lebenden Menschentum - vor Einbruch und Auswirkung der griechischen Philosophie und damit einer wissenschaftlichen Weltbetrachtung - mitgehören. Mythisch-religiöse Einstellung besteht nun darin, daß die Welt als Totalität thematisch, und zwar praktisch thematisch wird; die Welt, d.h. hier natürlich die in der betreffenden Menschheit (etwa Nation) konkret-traditional geltende, also mythisch apperzipierte. Hier gehören vorweg und zunächst nicht nur Menschen und Tiere und sonstige untermenschliche und untertierische Wesen zur mythisch-natürlichen Einstellung sondern auch übermenschliche. Der sie als Allheit umspannende Blick ist praktisch, nicht als ob der Mensch, der doch im natürlichen Dahinleben nur für besondere Realitäten aktuell interessiert ist, je dazu kommen könnte, daß für ihn alles plötzlich in gleicher Weise und zusammen praktisch relevant würde. Aber sofern die ganze Welt als von mythischen Mächten durchherrschte gilt und von der Art, wie sie dabei walten, unmittelbar oder mittelbar das menschliche Schicksal abhängt, wird eine universal-mythische Weltbetrachtung von der Praxis möglicherweise angeregt und ist dann selbst eine praktisch interessierte. Motiviert zu dieser religiös-mythischen Einstellung sind verständlicherweise Priester einer die religiös-mythischen Interessen und ihre Tradition in Einheitlichkeit verwaltenden Priesterschaft. In ihr entsteht und verbreitet sich das sprachlich festgeprägte «Wissen» von den mythischen Mächten (in einem weitesten Sinne personal gedachten). Es nimmt wie von selbst die Form mystischer Spekulation an, die, als naiv überzeugende Interpretation auftretend, den Mythos selbst umbildet. Dabei ist selbstverständlich der Blick ständig mitgerichtet auf die von den mythischen Mächten beherrschte sonstige Welt und das, was ihr zugehört an menschlichen und untermenschlichen Wesen (die übrigens auch, in ihrem eigenwesentlichen Sein ungefestigt, dem Einströmen von mythischen Momenten offen stehen), auf die Weisen, wie sie die Geschehnisse dieser Welt regieren, wie sie selbst sich zu einer einheitlich obersten Machtordnung zusammenfügen müssen, wie sie in einzelnen Funktionen und Funktionären schaffend, verrichtend, Schicksal verhängend eingreifen. All dieses spekulative Wissen hat aber den Zweck, dem Menschen in seinen menschlichen Zwecken zu dienen, auf daß er sein Weltleben möglichst glücklich gestalten, es vor Krankheit, vor jederlei Schicksal, vor Not und Tod behüten kann. Begreiflicherweise können in dieser mythisch-praktischen Weltbetrachtung und Welterkenntnis auch mancherlei nachmals wissenschaftlich auszuwertende Erkenntnisse von der tatsächlichen Welt, der Welt aus wissenschaftlicher Erfahrungserkenntnis, auftreten. Aber in ihrem eigenen Sinnzusammenhang sind sie und bleiben sie mythisch-praktische, und es ist verkehrt, es ist eine Sinnesverfälschung, wenn man, in den von Griechenland geschaffenen und neuzeitlich fortgebildeten wissenschaftlichen Denkweisen erzogen, schon von indischer und chinesischer Philosophie und Wissenschaft (Astronomie, Mathematik) spricht, also Indien, Babylonien, China europäisch interpretiert.

Scharf hebt sich nun von der universalen, aber mythisch-praktischen Einstellung die in jedem bisherigen Sinne unpraktische «theoretische» Einstellung ab, die des qaumazein, auf das die Großen der ersten Kulminationsperiode der griechischen Philosophie, Plato und Aristoteles, den Ursprung der Philosophie zurückführen. Es ergreift den Menschen die Leidenschaft einer Weltbetrachtung und Welterkenntnis, die sich von allen praktischen Interessen abkehrt und im abgeschlossenen Kreis ihrer Erkenntnistätigkeiten und der ihnen gewidmeten Zeiten nichts anderes erwirkt und erstrebt als reine Theoria. Mit anderen Worten: der Mensch wird zum unbeteiligten Zuschauer, Überschauer der Welt, er wird zum Philosophen; oder vielmehr von da aus gewinnt sein Leben Empfänglichkeit für nur in dieser Einstellung mögliche Motivationen für neuartige Denkziele und Methoden, in denen schließlich Philosophie und er selbst zum Philosophen wird.

Natürlich hat der Einbruch der theoretischen Einstellung, wie alles historisch Gewordene, seine faktische Motivation im konkreten Zusammenhang geschichtlichen Geschehens. Es gilt also in dieser Hinsicht, aufzuklären, wie aus der Art und dem Lebenshorizont des griechischen Menschentums im 7. Jahrhundert in seinem Verkehr mit den großen und schon hochkultivierten Nationen ihrer Umwelt jenes qaumazein sich einstellen und zunächst in Einzelnen habituell werden konnte. Wir gehen darauf nicht näher ein; wichtiger ist für uns, den Motivationsweg, den der Sinngebung und Sinnschöpfung zu verstehen, der von der bloßen Umstellung, bzw. vom bloßen qaumazein aus zur Theoria führt - ein historisches Faktum, das doch sein Wesensmäßiges haben muß. Es gilt, die Verwandlung von der ursprünglichen Theoria, von der völlig «uninteressierten» (in der Epoché von allem praktischen Interesse erfolgenden) Weltschau (Welterkenntnis aus bloßer universaler Schau) zur Theoria eigentlicher Wissenschaft aufzuklären, beide vermittelt durch die Kontrastierung von doxa und episthmh. Das einsetzende theoretische Interesse als jenes qaumazein ist offenbar eine Abwandlung der Neugier, die im natürlichen Leben ihre ursprüngliche Stelle hat, als Einbruch in den Gang des «ernsten Lebens», als Auswirkung der ursprünglich ausgebildeten Lebensinteressen oder als spielerische Umschau, wenn die geradezu aktuellen Lebensbedürfnisse befriedigt oder die Berufsstunden abgelaufen sind. Die Neugier (hier nicht als habituelles «Laster») ist auch eine Abwandlung, ein Interesse, das sich der Lebensinteressen enthoben, sie fallen gelassen hat.

So eingestellt, betrachtet er vor allem die Mannigfaltigkeit der Nationen, die eigenen und die fremden, jede mit ihrer eigenen Umwelt, die ihr mit ihren Traditionen, ihren Göttern, Dämonen, ihren mythischen Potenzen als die schlechthin selbstverständliche wirkliche Welt gilt. In diesem erstaunlichen Kontrast kommt der Unterschied von Weltvorstellung und wirklicher Welt auf und entspringt die neue Frage nach der Wahrheit; also nicht der traditionell gebundenen Alltagswahrheit sondern einer für alle von der Traditionalität nicht mehr Geblendeten identischen allgültigen Wahrheit, einer Wahrheit an sich. Zur theoretischen Einstellung des Philosophen gehört es also, daß er ständig und im voraus entschiedener ist, sein künftiges Leben immerfort und im Sinne eines universalen Lebens der Aufgabe der Theoria zu widmen, theoretische Erkenntnis auf theoretische Erkenntnis in infinitum zu bauen.

In vereinzelten Persönlichkeiten, wie Thales etc., erwächst damit ein neues Menschentum; Menschen, die das philosophische Leben, Philosophie als eine neuartige Kulturgestalt berufsmäßig schaffen. Begreiflicherweise erwächst alsbald eine entsprechend neuartige Vergemeinschaftung. Diese idealen Gebilde der Theoria sind ohne weiteres im Nachverstehen und Nacherzeugen mitgelebt und mitübernommen. Ohne weiteres führen sie zum Miteinanderarbeiten, sich wechselseitig durch Kritik Helfen. Auch die Außenstehenden, die Nichtphilosophen, werden aufmerksam auf das sonderliche Tun und Treiben. Nachverstehend werden sie entweder nun selbst zu Philosophen oder, wenn sie sonst berufsmäßig zu sehr gebunden sind, zu Mitlernenden. So breitet sich die Philosophie in doppelter Weise aus, als sich weitende Berufsgemeinschaft der Philosophen und als eine sich mitweitende Gemeinschaftsbewegung der Bildung. Hier liegt aber auch der Ursprung der nachmals so schicksalsvollen inneren Spaltung der Volkseinheit in Gebildete und Ungebildete. Offenbar hat aber diese Ausbreitungstendenz nicht ihre Schranken in der heimatlichen Nation. Anders als alle anderen Kulturwerke ist sie keine an den Boden der nationalen Tradition gebundene Interessenbewegung. Auch Fremd-Nationale lernen nachverstehen und nehmen überhaupt Anteil an der gewaltigen Kulturverwandlung, die von der Philosophie ausstrahlt. Doch eben dieses muß noch charakterisiert werden.

Es geht von der in den Formen der Forschung und Bildung sich ausbreitenden Philosophie eine doppelte geistige Wirkung aus. Einerseits ist das Wesentlichste der theoretischen Einstellung des philosophischen Menschen die eigentümliche Universalität der kritischen Haltung, die entschlossen ist, keine vorgegebene Meinung, keine Tradition fraglos hinzunehmen, um sogleich für das ganze traditionell vorgegebene Universum nach dem an sich Wahren, einer Idealität, zu fragen. Das ist aber nicht nur eine neue Erkenntnishaltung. Vermöge der Forderung, die gesamte Empirie idealen Normen, nämlich denen der unbedingten Wahrheit zu unterwerfen, ergibt sich daraus alsbald eine weitgreifende Wandlung der gesamten Praxis des menschlichen Daseins, also des ganzen Kulturlebens; sie soll sich nicht mehr von der naiven Alltagsempirie und Tradition sondern von der objektiven Wahrheit normieren lassen. So wird ideale Wahrheit zu einem absoluten Wert, der in der Bildungsbewegung und in der ständigen Auswirkung in der Kindererziehung eine universal gewandelte Praxis mit sich führt. Überlegen wir etwas näher die Art dieser Umwandlung, so verstehen wir sofort das Unvermeidliche: Wird die allgemeine Idee der Wahrheit an sich zur universalen Norm aller im menschlichen Leben auftretenden relativen Wahrheiten, der wirklichen und vermutlichen Situationswahrheiten, so betrifft das auch alle traditionellen Normen, die des Rechts, der Schönheit, der Zweckmäßigkeit, der herrschenden Personenwerte, Werte von personalen Charakteren etc.

Es erwächst also ein besonderes Menschentum und ein besonderer Lebensberuf korrelativ mit der Leistung einer neuen Kultur. Philosophische Welterkenntnis schafft nicht nur diese besondersartigen Ergebnisse sondern eine menschliche Haltung, die alsbald eingreift in das ganze übrige praktische Leben, mit allen seinen Forderungen und Zwecken, den Zwecken der historischen Tradition, in die man hineinerzogen ist und die von daher gelten. Es bildet sich eine neue und innige Gemeinschaft, wir könnten sagen, eine Gemeinschaft rein idealer Interessen, zwischen den Menschen, aus Menschen, die der Philosophie leben, verbunden in der Hingabe an die Ideen, die nicht nur allen nützen sondern allen identisch zueigen sind. Notwendigerweise bildet sich ein Gemeinschaftswirken besonderer Art heraus, das des Miteinander- und Füreinanderarbeitens, einander hilfreich Kritikleistens, aus dem die reine und unbedingte Wahrheitsgeltung als Gemeingut erwächst. Dazu kommt nun die notwendige Tendenz der Fortpflanzung des Interesses durch Nachverstehen dessen, was da gewollt und geleistet wird; also eine Tendenz der Einbeziehung immer neuer noch unphilosophischer Personen in die Gemeinschaft der Philosophierenden. So zunächst innerhalb der heimatlichen Nation. Die Ausbreitung kann nicht ausschließlich als die der berufsmäßigen wissenschaftlichen Forschung erfolgen, sie erfolgt, über den berufsmäßigen Kreis hinaus weit um sich, als Bewegung der Bildung.

Verbreitet sich nun die Bildungsbewegung über immer weitere Volkskreise, und naturgemäß die höheren, herrschenden, von der Lebenssorge weniger aufgebrauchten, was ergeben sich für Folgen? Offenbar führt das nicht einfach zu einer homogenen Verwandlung des normalen, im ganzen befriedigenden staatlich-nationalen Lebens, sondern mit Wahrscheinlichkeit zu großen inneren Spaltungen, in denen dasselbe und das Ganze der nationalen Kultur in einen Umbruch hineingerät. Die in der Tradition konservativ Befriedigten und der philosophische Menschenkreis werden einander bekämpfen, und sicherlich wird der Kampf sich in der politischen Machtsphäre abspielen. Schon in den Anfängen der Philosophie beginnt die Verfolgung. Die Menschen, die auf jene Ideen hinleben, werden geächtet. Und doch: Ideen sind stärker als alle empirischen Mächte.

Hier ist auch weiter in Rechnung zu ziehen, daß die Philosophie, aus universaler kritischer Einstellung gegen alle und jede traditionale Vorgegebenheit erwachsen, in ihrer Ausbreitung durch keine nationalen Schranken gehemmt ist. Nur die Fähigkeit zu einer universalen kritischen Einstellung, die freilich auch ihre Voraussetzungen hat in einer gewissen Höhe der vorwissenschaftlichen Kultur, muß vorhanden sein. So kann sich der Umbruch der nationalen Kultur fortpflanzen, zunächst indem die fortschreitende universale Wissenschaft zu einem Gemeingut für die zunächst einander fremden Nationen wird und die Einheit einer wissenschaftlichen Gemeinschaft und Bildungsgemeinschaft durch die Mehrheit der Nationen hindurchgeht.

Noch ein Wichtiges muß herangezogen werden, das Verhalten der Philosophie zu den Traditionen betreffend. Nämlich zwei Möglichkeiten sind hier zu beachten. Entweder das traditional Geltende wird ganz verworfen, oder sein Inhalt wird philosophisch übernommen und damit auch im Geiste philosophischer Idealität neu geformt. Ein ausgezeichneter Fall ist hier der der Religion. Dahin möchte ich die «polytheistischen Religionen» nicht rechnen. Götter im Plural, mythische Mächte jeder Art, sind umweltliche Objekte von derselben Wirklichkeit wie Tier oder Mensch. Im Begriffe Gott ist der Singular wesentlich. Ihm gehört aber von menschlicher Seite zu, daß seine Seinsgeltung und Wertgeltung als absolute innere Bindung erfahren wird. Hier erfolgt nun die naheliegende Verschmelzung dieser Absolutheit mit derjenigen der philosophischen Idealität. Im allgemeinen Idealisierungsprozeß, der von der Philosophie ausgeht, wird Gott sozusagen logifiziert, ja zum Träger des absoluten Logos. Das Logische möchte ich übrigens schon darin sehen, daß sich die Religion theologisch auf die Glaubensevidenz beruft, als eine eigene und tiefste Art der Begründung wahren Seins. Nationale Götter aber sind fraglos da, als reale Tatsachen der Umwelt. Man stellt vor der Philosophie keine erkenntniskritischen Fragen, keine Fragen der Evidenz.

Im wesentlichen, obschon etwas schematisch, ist nun schon die historische Motivation gezeichnet, die es verständlich macht, wie von ein paar griechischen Sonderlingen aus eine Umwandlung des menschlichen Daseins und seines gesamten Kulturlebens in Gang gebracht werden konnte, zunächst in ihrer eigenen und den nächst benachbarten Nationen. Aber es ist nun auch sichtlich, daß von hier aus eine Übernationalität völlig neuer Art entspringen konnte. Ich meine natürlich die geistige Gestalt Europas. Es ist nun nicht mehr ein Nebeneinander verschiedener,.nur durch Handel- und Machtkämpfe sich beeinflussender Nationen, sondern: Ein neuer, von Philosophie und ihren Sonderwissenschaften herstammender Geist freier Kritik und Normierung auf unendliche Aufgaben hin durchherrscht das Menschentum, schafft neue, unendliche Ideale! Es sind solche für die einzelnen Menschen in ihren Nationen, solche für die Nationen selbst. Aber schließlich sind es auch unendliche Ideale für die sich ausbreitende Synthese der Nationen, in welcher jede dieser Nationen gerade dadurch, daß sie ihre eigene ideale Aufgabe im Geiste der Unendlichkeit anstrebt, ihr Bestes den mitvereinten Nationen schenkt. In diesem Schenken und Empfangen steigt das übernationale Ganze mit all seinen aufgestuften Sozietäten empor, erfüllt von dem Geiste einer überschwenglichen in vielfacher Unendlichkeit gegliederten, und doch einzigen unendlichen Aufgabe. In dieser ideal gerichteten Allsozietät bleibt die Philosophie selbst in leitender Funktion und in ihrer besonderen unendlichen Aufgabe; in der Funktion freier und universaler theoretischer Besinnung, die auch alle Ideale und das Allideal mit umfaßt: also das Universum aller Normen. Ständig hat Philosophie in einer europäischen Menschheit ihre Funktion als die archontische der ganzen Menschheit zu üben.

 

II

Aber nun müssen die sicherlich sehr aufdringlichen Mißverständnisse und Bedenken zu Worte kommen, welche, wie mir scheinen will, von den modischen Vorurteilen und ihren Phraseologien ihre suggestive Kraft schöpfen.

Ist, was hier vorgetragen worden, nicht eine in unserer Zeit gerade sehr wenig angebrachte Ehrenrettung des Rationalismus, der Aufklärerei, des in weltfremder Theorie sich verlierenden Intellektualismus, mit seinen notwendigen üblen Folgen, der hohlen Bildungssucht, des intellektualistischen Snobismus? Heißt das hier nicht wieder zurücklenken wollen in die schicksalsvolle Irrung, daß Wissenschaft den Menschen weise macht, daß sie dazu berufen sei, ein echtes, den Schicksalen überlegenes und sich befriedigendes Menschentum zu schaffen? Wer wird solche Gedanken heute noch ernst nehmen?

Dieser Einwand hat sicherlich für den europäischen Entwicklungsstand des 17. bis Ende des 19. Jahrhunderts sein relatives Recht. Aber den eigenen Sinn meiner Darstellung trifft er nicht. Es möchte mir scheinen, daß ich, der vermeintliche Reaktionär, weit radikaler bin und weit mehr revolutionär als die sich heutzutage in Worten so radikal Gebärdenden.

Auch ich bin dessen gewiß, daß die europäische Krisis in einem sich verirrenden Rationalismus wurzelt. Aber nicht das darf die Meinung sein, als ob die Rationalität als solche von Übel oder im ganzen der menschheitlichen Existenz nur von untergeordneter Bedeutung sei. Rationalität: in jenem hohen und echten Sinne, von dem wir allein sprechen, als dem urtümlich griechischen, der in der klassischen Periode der griechischen Philosophie zum Ideal geworden war, bedurfte freilich noch vieler selbstbesinnlicher Klärungen, ist aber berufen, in reifer Weise Entwicklung zu leiten. Andererseits geben wir gerne zu (und der Deutsche Idealismus ist uns in dieser Einsicht längst vorangegangen), daß die Entwicklungsgestalt der ratio als Rationalismus der Aufklärungsperiode eine Verirrung, obschon immerhin eine begreifliche Verirrung war.

Vernunft ist ein weiter Titel. Nach der guten alten Definition ist der Mensch das vernünftige Lebewesen, und in diesem weiten Sinne ist auch der Papua Mensch und nicht Tier. Er hat seine Zwecke und handelt besinnlich, die praktischen Möglichkeiten überlegend. Die erwachsenden Werke und Methoden gehen in die Tradition ein, immer wieder in ihrer Rationalität verständlich. Aber so wie der Mensch und selbst der Papua eine neue Stufe der Animalität, gegenüber dem Tier nämlich, darstellt, so stellt in der Menschlichkeit und ihrer Vernunft die philosophische Vernunft eine neue Stufe dar. Die Stufe menschlichen Daseins und der idealen Normen für unendliche Aufgaben, die Stufe des Daseins sub specie aeterni, ist aber nur möglich in der absoluten Universalität, eben der von vornherein in der Idee der Philosophie beschlossenen. Die universale Philosophie mit allen einzelnen Wissenschaften macht zwar eine Teilerscheinung der europäischen Kultur aus. Es liegt aber im Sinne meiner ganzen Darstellung, daß dieser Teil sozusagen das fungierende Gehirn ist, von dessen normalem Funktionieren die echte, gesunde europäische Geistigkeit abhängt. Das Menschentum der höheren Menschlichkeit oder Vernunft erfordert also eine echte Philosophie.

Aber hier liegt nun der Gefahrenpunkt! «Philosophie» - da müssen wir wohl scheiden Philosophie als historisches Faktum einer jeweiligen Zeit und Philosophie als Idee, Idee einer unendlichen Aufgabe. Die jeweils historisch wirkliche Philosophie ist der mehr oder minder gelungene Versuch, die leitende Idee der Unendlichkeit und dabei sogar Allheit der Wahrheiten zu verwirklichen. Praktische Ideale, nämlich erschaut als ewige Pole, von denen man in seinem ganzen Leben nicht abirren kann, ohne Reue, ohne sich untreu und damit unselig zu werden, sind in dieser Schau keineswegs schon klar und bestimmt, sie sind antizipiert in einer vieldeutigen Allgemeinheit. Die Bestimmtheit ergibt sich erst im konkreten Zugreifen und mindestens relativ gelingenden Tun. Da droht beständig das Verfallen in Einseitigkeiten und voreilige Befriedigungen, die sich in nachkommenden Widersprüchen rächen. Daher der Kontrast zwischen den großen Ansprüchen der philosophischen Systeme, während sie doch miteinander unverträglich sind. Dazu kommt die Notwendigkeit und doch wieder Gefährlichkeit der Spezialisierung.

So kann einseitige Rationalität allerdings zum Übel werden. Man kann auch sagen: Es gehört zum Wesen der Vernunft, daß die Philosophen ihre unendliche Aufgabe zunächst nur in einer absolut notwendigen Einseitigkeit verstehen und bearbeiten können. Darin liegt an sich keine Verkehrtheit, kein Irrtum, sondern, wie gesagt, der für sie gerade und notwendige Weg läßt sie erst eine Seite der Aufgabe ergreifen, zunächst ohne zu merken, daß die ganze unendliche Aufgabe, die Allheit des Seienden theoretisch zu erkennen, noch andere Seiten hat. Meldet sich in Unklarheiten und Widersprüchen die Unzulänglichkeit, so motiviert dies einen Ansatz für eine universale Besinnung. Der Philosoph muß also immer darauf aus sein, sich des wahren und vollen Sinnes der Philosophie, der Allheit ihrer Unendlichkeitshorizonte zu bemächtigen. Keine Erkenntnislinie, keine einzelne Wahrheit darf verabsolutiert und isoliert werden. Nur in diesem höchsten Selbstbewußtsein, das selbst zu einem der Zweige der unendlichen Aufgabe wird, kann Philosophie ihre Funktion, sich selbst und dadurch echtes Menschentum auf die Bahn zu bringen, erfüllen. Daß dem aber so ist, auch das gehört wiederum mit zum Erkenntnisbereich der Philosophie in der Stufe höchster Selbstbesinnung. Nur durch diese ständige Reflexivität ist eine Philosophie universale Erkenntnis.

Ich sagte: der Weg der Philosophie geht über die Naivität. Hier ist nun die Stelle der Kritik des so hoch gerühmten Irrationalismus, bzw. die Stelle, die Naivität desjenigen Rationalismus zu enthüllen, der für die philosophische Rationalität schlechthin genommen wird, aber freilich für die Philosophie der gesamten Neuzeit seit der Renaissance charakteristisch ist und sich für den wirklichen, also universalen Rationalismus hält. In dieser als Anfang unvermeidlichen Naivität also stecken alle und in den Anfängen schon im Altertum zur Entwicklung gekommenen Wissenschaften. Genauer gesprochen: Der allgemeinste Titel dieser.Naivität heißt Objektivismus, ausgestaltet in den verschiedenen Typen des Naturalismus, der Naturalisierung des Geistes. Alte und neue Philosophien waren und bleiben naiv objektivistisch. Gerechterweise muß aber beigefügt werden, daß der von Kant ausgehende Deutsche Idealismus schon leidenschaftlich bemüht war, die schon sehr empfindlich gewordene Naivität zu überwinden, ohne daß er wirklich die für die neue Gestalt der Philosophie und des europäischen Menschentums entscheidende Stufe der höheren Reflexivität zu erreichen vermochte.

Nur in rohen Andeutungen kann ich das Gesagte verständlich machen. Der natürliche Mensch (nehmen wir an, der vorphilosophischen Periode) ist in all seinem Sorgen und Tun weltlich gerichtet. Sein Lebens- und Wirkungsfeld ist die sich raumzeitlich um ihn herum ausbreitende Umwelt, der er sich selbst zurechnet. Das bleibt in der theoretischen Einstellung, die zunächst nichts anderes sein kann als die des unbeteiligten Zuschauers über die sich dabei entmythisierende Welt, erhalten. Die Philosophie sieht in der Welt das Universum des Seienden und Welt wird zur objektiven Welt gegenüber den Weltvorstellungen - den national- und einzelsubjektiv wechselnden, die Wahrheit wird also zur objektiven Wahrheit. So fängt die Philosophie als Kosmologie an, sie ist zunächst, wie selbstverständlich, in ihrem theoretischen Interesse auf die körperliche Natur gerichtet, da ja alles raumzeitlich Gegebene jedenfalls mindestens dem Untergrund nach, die Daseinsformel der Körperlichkeit hat. Menschen, Tiere sind nicht bloß Körper, aber in der umweltlichen Blickrichtung erscheinen sie als etwas körperlich Seiendes, somit als in die universale Raumzeitlichkeit eingeordnete Realitäten. So haben alle seelischen Vorkommnisse, die des jeweiligen Ich, wie Erfahren, Denken, Wollen, eine gewisse Objektivität. Das Gemeinschaftsleben, das der Familien, Völker u.dgl., scheint sich dann aufzulösen in das einzelner Individuen, als psychophysischer Objekte; die geistige Verbundenheit durch psychophysische Kausalität entbehrt einer rein geistigen Kontinuität, überall greift die physische Natur ein.

Der historische Gang der Entwicklung ist durch diese Einstellung auf die Umwelt bestimmt vorgezeichnet. Schon der flüchtigste Blick auf die in der Umwelt vorfindliche Körperlichkeit zeigt, daß die Natur ein homogenes allverbundenes Ganzes ist, sozusagen eine Welt für sich, umfangen von der homogenen Raumzeitlichkeit, geteilt in einzelne Dinge, alle einander gleich als res extensae und einander kausal bestimmend. Sehr schnell wird ein erster und größter Entdeckungsschritt getan: Die Überwindung der Endlichkeit der schon als objektives An-sich gedachten Natur, eine Endlichkeit trotz der offenen Endlosigkeit. Die Unendlichkeit wird entdeckt, und zuerst in Form der Idealisierung der Größen, der Maße, der Zahlen, der Figuren, der Geraden, Pole, Flächen usw. Die Natur, der Raum, die Zeit werden ins Unendliche idealiter erstreckbar und ins Unendliche idealiter teilbar. Aus der Feldmeßkunst wird die Geometrie, aus der Zahlenkunst die Arithmetik, aus der Alltagsmechanik die mathematische Mechanik usw. Nun verwandelt sich, ohne daß ausdrücklich eine Hypothese daraus gemacht wird, die anschauliche Natur und Welt in eine mathematische Welt, die Welt der mathematischen Naturwissenschaften. Das Altertum ging voran, und mit seiner Mathematik vollzog sich zugleich die erste Entdeckung unendlicher Ideale und unendlicher Aufgaben. Das wird für alle späteren Zeiten zum Leitstern der Wissenschaften.

Wie wirkte nun der berauschende Erfolg dieser Entdeckung der physischen Unendlichkeit auf die wissenschaftliche Bemächtigung der Geistessphäre? In der umweltlichen Einstellung, in der ständig objektivistischen, erschien alles Geistige wie der physischen Körperlichkeit aufgelegt. So lag eine Übertragung der naturwissenschaftlichen Denkweise nahe. Daher finden wir schon in den Anfängen Demokrit'schen Materialismus und Determinismus. Aber die größten Geister schreckten doch davor und auch vor jeder Psychophysik neueren Stils zurück. Seit Sokrates wird der Mensch in seiner spezifischen Menschlichkeit, als Person zum Thema, der Mensch im geistigen Gemeinschaftsleben. Der Mensch bleibt in die objektive Welt eingeordnet, sie wird aber schon zum großen Thema für Plato,und Aristoteles. Hier wird eine merkwürdige Spaltung fühlbar, das Menschliche gehört zum Universum der objektiven Tatsachen, aber als Personen, als Ich, haben die Menschen Ziele, Zwecke, haben sie Normen der Tradition, Normen der Wahrheit - ewige Normen. Erlahmte die Entwicklung im Altertum, so war sie doch nicht verloren. Machen wir den Sprung zur sogenannten Neuzeit. Mit einer glühenden Begeisterung wird die unendliche Aufgabe einer mathematischen Naturerkenntnis und überhaupt einer Welterkenntnis aufgenommen. Die ungeheuren Erfolge der Naturerkenntnis sollen nun auch der Geisteserkenntnis zuteil werden. Die Vernunft hat ihre Kraft in der Natur erwiesen. «Wie die Sonne die eine allerleuchtende und wärmende Sonne ist, so ist auch die Vernunft die eine» (Descartes). Die naturwissenschaftliche Methode muß auch die Geistesgeheimnisse erschließen. Real ist der Geist, objektiv in der Welt, als solcher fundiert in der Leiblichkeit. Also nimmt die Weltauffassung sofort und allherrschend die Gestalt einer dualistischen, und zwar psychophysischen an. Dieselbe Kausalität, nur zweifach gespalten, umgreift die eine Welt, der Sinn rationaler Erklärung ist überall derselbe, aber doch so, daß alle Geisteserklärung, wenn sie einzig und damit universal philosophisch sein soll, ins Physische führt. Eine reine und in sich geschlossene.erklärende Geistesforschung, eine rein innengewandte, vom Ich, vom selbsterlebten Psychischen in die fremde Psyche hineinreichende Psychologie oder Geisteslehre, kann es nicht geben, es muß der Außenweg, der Weg der Phsyik und Chemie gegangen werden. Alle die beliebten Reden von Gemeingeist, Volkswillen, von idealen, von politischen Zielen der Nationen u.dgl. sind Romantik und Mythologie, entsprungen aus analogischer Übertragung von Begriffen, die einen eigentlichen Sinn nur in der einzelnen Personalsphäre haben. Geistiges Sein ist fragmentarisch. Auf die Frage nach der Quelle aller Nöte ist nun zu antworten: Dieser Objektivismus oder diese psychophysische Weltauffassung ist trotz ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit eine naive Einseitigkeit, die als solche unverstanden geblieben war. Die Realität des Geistes als vermeintlich realen Annexes an den Körpern, sein vermeintlich raumzeitliches Sein innerhalb der Natur ist ein Widersinn.

Hier gilt es für unser Problem der Krisis aber, aufzuzeigen, wie es kommt, daß die jahrhundertelang auf ihre theoretischen und praktischen Erfolge so stolze «Neuzeit» schließlich selbst in eine wachsende Unbefriedigung hineingerät, ja ihre Lage als Notlage empfinden muß. In alle Wissenschaften kehrt die Not ein, letztlich als Not der Methode. Aber unsere europäische Not geht, wenn auch unverstanden, sehr viele an.

Es sind durchaus Probleme, die aus der Naivität stammen, in der die objektivistische Wissenschaft das, was sie objektive Welt nennt, für das Universum alles Seienden hält, ohne darauf zu achten, daß die Wissenschaft leistende Subjektivität in keiner objektiven Wissenschaft zu ihrem Rechte kommen kann. Der naturwissenschaftlich Erzogene findet es selbstverständlich, daß alles bloß Subjektive ausgeschaltet werden muß und daß die naturwissenschaftliche Methode, sich in den subjektiven Vorstellungsweisen darstellend, objektiv bestimmt. So sucht er auch für das Psychische das objektiv Wahre. Dabei wird zugleich angenommen, daß das vom Physiker ausgeschaltete Subjektive eben als Psychisches in der Psychologie zu erforschen sei, dann natürlich in der psychophysischen Psychologie. Aber der Naturforscher macht sich nicht klar, daß das ständige Fundament seiner doch subjektiven Denkarbeit die Lebensumwelt ist, sie ist ständig vorausgesetzt als Boden, als Arbeitsfeld, auf dem seine Fragen, seine Denkmethoden allein Sinn haben. Wo wird nun das gewaltige Stück Methode, das von der anschaulichen Umwelt zu den Idealisierungen der Mathematik und zu ihrer Interpretation als objektives.Sein führt, der Kritik und Klärung unterworfen? Einsteins Umwälzungen betreffen die Formeln, in denen die idealisierte und naiv objektivierte Physis behandelt wird. Aber wie Formeln überhaupt, wie mathematische Objektivierung überhaupt auf dem Untergrund des Lebens und der anschaulichen Umwelt Sinn bekommt, davon erfahren wir nichts, und so reformiert Einstein nicht den Raum und die Zeit, in der sich unser lebendiges Leben abspielt.

Die mathematische Naturwissenschaft ist eine wundervolle Technik, um Induktionen von einer Leistungsfähigkeit, von einer Wahrscheinlichkeit, Genauigkeit, Berechenbarkeit zu machen, die früher nicht einmal geahnt werden konnten. Sie ist als Leistung ein Triumph des menschlichen Geistes. Was aber die Rationalität ihrer Methoden und Theorien anlangt, so ist sie eine durchaus relative. Sie setzt schon den Grundlagenansatz voraus, der selbst einer wirklichen Rationalität völlig entbehrt. Indem die anschauliche Umwelt, dieses bloß Subjektive, in der wissenschaftlichen Thematik vergessen wurde, ist auch das arbeitende Subjekt selbst vergessen, und der Wissenschaftler wird nicht zum Thema. (Somit steht, von diesem Gesichtspunkte aus, die Rationalität der exakten Wissenschaften in einer Reihe mit der Rationalität der ägyptischen Pyramiden.)

Freilich, seit Kant haben wir eine eigene Erkenntnistheorie, und andererseits ist doch die Psychologie da, die mit ihren Ansprüchen auf naturwissenschaftliche Exaktheit die allgemeine Grundwissenschaft vom Geiste sein will. Aber unsere Hoffnung auf wirkliche Rationalität, d.i. auf wirkliche Einsicht, wird hier wie überall enttäuscht. Die Psychologen merken gar nicht, daß auch sie an sich selbst als die leistenden Wissenschaftler und ihre Lebensumwelt in ihrem Thema nicht herankommen. Sie merken nicht, daß sie sich im voraus notwendig als vergemeinschaftete Menschen ihrer Umwelt und historischen Zeit voraussetzen, auch schon damit, daß sie Wahrheit an sich, als für jedermann überhaupt gültig, erzielen wollen. Durch ihren Objektivismus kann die Psychologie gar nicht die Seele, das ist doch das Ich, das tut und leidet, in seinem eigenwesentlichen Sinn ins Thema bekommen. Sie mag wertendes Erlebnis, Willenserlebnis auf körperliches Leben verteilt objektivieren und induktiv behandeln, kann sie das auch für Zwecke, Werte, Normen, kann sie Vernunft zum Thema machen, etwa als «Disposition»? Es wird völlig übersehen, daß der Objektivismus als echte Leistung des sich auf wahrhafte Normen richtenden Forschers eben diese Normen voraussetzt, daß er also nicht aus Tatsachen abgeleitet sein will, denn Tatsachen sind dabei schon gemeint als Wahrheiten, und nicht als Einbildungen. Allerdings, man empfindet die hier vorliegenden Schwierigkeiten; so entbrennt der Streit um den Psychologismus. Aber mit der Ablehnung einer psychologischen Begründung von Normen, vor allem von Normen für Wahrheit an sich, ist nichts getan. Immer fühlbarer wird allgemein die Reformbedürftigkeit der ganzen neuzeitlichen Psychologie, aber noch versteht man nicht, daß sie durch ihren Objektivismus versagt hat, daß sie überhaupt an das eigene Wesen des Geistes nicht herankommt, daß ihre Isolierung der objektiv gedachten Seele und ihre psychophysische Umdeutung des In-Gemeinschaft-seins eine Verkehrtheit ist. Gewiß hat sie nicht vergeblich gearbeitet und viele auch praktisch wertvolle empirische Regeln aufgewiesen. Aber sie ist so wenig eine wirkliche Psychologie als die Moralstatistik mit ihren nicht minder wertvollen Erkenntnissen eine Moralwissenschaft ist.

Überall in unserer Zeit meldet sich aber das brennende Bedürfnis nach einem Verständnis des Geistes, und fast unerträglich geworden ist die Unklarheit der methodischen und sachlichen Beziehung zwischen den Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Dilthey, einer der größten Geisteswissenschaftler, hat seine ganze Lebensenergie an eine Klärung der Beziehung von Natur und Geist gesetzt, an eine Klärung der Leistung der psychophysischen Psychologie, die, wie er meinte, zu ergänzen sei durch eine neue, beschreibende, zergliedernde Psychologie. Bemühungen von Windelband und Rickert haben leider nicht die ersehnte Einsicht gebracht. Auch sie wie alle bleiben dem Objektivismus verhaftet; und erst recht die neuen reformierenden Psychologen, die da glauben, alle Schuld liege an dem lang vorherrschenden Vorurteil des Atomismus und eine neue Zeit käme mit der Ganzheitspsychologie Nie kann es aber besser werden, solange der aus einer natürlichen Einstellung auf Umweltlichkeit entsprungene Objektivismus in seiner Naivität nicht durchschaut ist und die Erkenntnis durchgebrochen, daß die dualistische Weltauffassung, in welcher Natur und Geist als Realitäten gleichartigen Sinnes zu gelten haben, obschon kausal aufeinandergebaut, eine Verkehrtheit ist. Allen Ernstes meine ich: Eine objektive Wissenschaft vom Geiste, eine objektive Seelenlehre, objektiv in dem Sinne, daß sie den Seelen, den personalen Gemeinschaften Inexistenz in den Formen der Raumzeitlichkeit zukommen läßt, hat es nie gegeben und wird es nie geben.

Der Geist und sogar nur der Geist ist in sich selbst und für sich selbst seiend, ist eigenständig und kann in diesem Eigenstande, und nur indiesem, wahrhaft rational, wahrhaft und von Grund auf wissenschaftlich behandelt werden. Was aber die Natur anlangt in ihrer naturwissenschaftlichen Wahrheit, so ist sie nur scheinbar eigenständig und nur scheinbar sich zu rationaler Erkenntnis gebracht in den Naturwissenschaften. Denn wahre Natur in ihrem, in naturwissenschaftlichem Sinne ist Erzeugnis des naturforschenden Geistes, setzt also die Wissenschaft vom Geiste voraus. Der Geist ist wesensmäßig dazu befähigt, Selbsterkenntnis zu üben,und als wissenschaftlicher Geist wissenschaftliche Selbsterkenntnis, und das iterativ. Nur in der reinen geisteswissenschaftlichen Erkenntnis von dem Einwand der Selbstverhülltheit seines Leistens nicht betroffen. Demnach ist es verkehrt von den Geisteswissenschaften, mit den Naturwissenschaften um Gleichberechtigung zu ringen. Sowie sie den letzteren ihre Objektivität als Eigenständigkeit zubilligen, sind sie selbst dem Objektivismus verfallen. Aber so wie sie jetzt mit ihren mannigfaltigen Disziplinen ausgebildet sind, entbehren sie der letzten, wirklichen, durch die geistige Weltanschauung ermöglichten Rationalität. Eben dieser Mangel an einer echten Rationalität auf allen Seiten ist die Quelle der unerträglich gewordenen Unklarheit des Menschen über seine eigene Existenz und seine unendlichen Aufgaben. Sie sind untrennbar einig in einer Aufgabe: Nur wenn der Geist aus der naiven Außenwendung zu sich selbst zurückkehrt und bei sich selbst und rein bei sich selbst bleibt, kann er sich genügen.

Wie aber kam es zu einem Anfang solcher Selbstbesinnung? Ein Anfang war so lange nicht möglich, als der Sensualismus, oder besser der Datenpsychologismus, die Psychologie der tabula rasa, das Feld beherrschte. Erst als Brentano die Psychologie als eine Wissenschaft von den intentionalen Erlebnissen forderte, war ein Anstoß gegeben, der weiterführen konnte, obschon Brentano selbst noch nicht den Objektivismus und psychologischen Naturalismus überwand. Die Ausbildung einer wirklichen Methode, das Grundwesen des Geistes in seinen Intentionalitäten zu erfassen und von da aus eine ins Unendliche konsequente Geistesanalytik aufzubauen, führte zur transzendentalen Phänomenologie. Den naturalistischen Objektivismus und jeden Objektivismus überhaupt überwindet sie in der einzig möglichen Weise, nämlich dadurch, daß der Philosophierende von seinem Ich ausgeht, und zwar rein als dem Vollzieher aller seiner Geltungen, zu deren rein theoretischem Zuschauer er wird. In dieser Einstellung gelingt es, eine absolut eigenständige Geisteswissenschaft aufzubauen, in Form einer konsequenten Selbstverständigung und Verständigung der Welt als geistiger Leistung. Der Geist ist darin nicht Geist in oder neben der Natur, sondern diese rückt selbst in die Geistessphäre. Das Ich ist dann auch nicht mehr ein isoliertes Ding neben anderen solchen Dingen in einer vorgegebenen Welt, es hört überhaupt das ernstliche Außer- und Nebeneinander der Ichpersonen auf zugunsten eines innerlichen Ineinander- und Füreinanderseins.

Doch darüber kann hier nicht gesprochen werden, kein Vortrag könnte es erschöpfen. Aber gezeigt hoffe ich zu haben, daß nicht der alte Rationalismus, der ein sinnwidriger Naturalismus war und unfähig, überhaupt die uns nächst angehenden Geistesprobleme zu erfassen, hier erneuert wird. Die ratio, die jetzt in Frage ist, ist nichts anderes als die wirklich universale und wirklich radikale Selbstverständigung des Geistes in Form universaler verantwortlicher Wissenschaft, in welcher ein völlig neuer Modus von Wissenschaftlichkeit in den Gang gebracht wird, in dem alle erdenklichen Fragen, Fragen des Seins und Fragen der Norm, Fragen der sogenannten Existenz, ihre Stelle finden. Es ist meine Überzeugung, daß die intentionale Phänomenologie zum ersten Male den Geist als Geist zum Feld systematischer Erfahrung und Wissenschaft gemacht und dadurch die totale Umstellung der Erkenntnisaufgabe erwirkt hat. Die Universalität des absoluten Geistes umspannt alles Seiende in einer absoluten Historizität, welcher sich die Natur als Geistesgebilde einordnet. Erst die intentionale, und zwar transzendentale Phänomenologie schaffte durch ihren Ausgangspunkt und ihre Methoden Licht. Erst von ihr aus versteht sich, und aus tiefsten Gründen, was der naturalistische Objektivismus ist, und insbesondere, daß die Psychologie durch ihren Naturalismus überhaupt das Leisten, das radikale und eigentliche Problem des geistigen Lebens, verfehlen mußte.

 

III

Drängen wir den Grundgedanken unserer Ausführungen zusammen: Die heute so viel beredete, sich in unzähligen Symptomen des Lebenszerfalls dokumentierende «Krise des europäischen Daseins» ist kein dunkles Schicksal, kein undurchdringliches Verhängnis, sondern wird verständlich und durchschaubar auf dem Hintergrund der philosophisch aufdeckbaren Teleologie der europäischen Geschichte. Voraussetzung dieses Verständnisses aber ist, daß zuvor das Phänomen «Europa» in seinem zentralen Wesenskern erfaßt wird. Um das Unwesen der gegenwärtigen «Krise» begreifen zu können, mußte der Begriff Europa herausgearbeitet werden als die historische Teleologie unendlicher Vernunftziele; es mußte gezeigt werden, wie die europäische «Welt» aus Vernunftideen, d..h. aus dem Geiste der Philosophie geboren wurde. Die «Krise» konnte dann deutlich werden als das scheinbare Scheitern des Rationalismus. Der Grund des Versagens einer rationalen Kultur liegt aber - wie gesagt - nicht im Wesen des Rationalismus selbst sondern allein in seiner Veräußerlichung, in seiner Versponnenheit in «Naturalismus» und «Objektivismus».

Die Krise des europäischen Daseins hat nur zwei Auswege: Den Untergang Europas in der Entfremdung gegen seinen eigenen rationalen Lebenssinn, den Verfall in Geistfeindschaft und Barbarei, oder die Wiedergeburt Europas aus dem Geiste der Philosophie durch einen den Naturalismus endgültig überwindenden Heroismus der Vernunft. Europas größte Gefahr ist die Müdigkeit. Kämpfen wir gegen diese Gefahr der Gefahren als «gute Europäer» in jener Tapferkeit, die auch einen unendlichen Kampf nicht scheut, dann wird aus dem Vernichtungsbrand des Unglaubens, dem schwelenden Feuer der Verzweiflung an der menschheitlichen Sendung des Abendlandes, aus der Asche der großen Müdigkeit der Phoenix einer neuen Lebensinnerlichkeit und Vergeistigung auferstehen, als Unterpfand einer großen und fernen Menschenzukunft: Denn der Geist allein ist unsterblich.

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